Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten

UN-Anhörung zu Nichtübertragbaren Krankheiten

Klare Regeln für die Lebensmittelindustrie gefordert

Am 5. Juli 2018 trafen sich Länderdelegierte und Vertreter aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Industrie zum „Social Hearing on NCDs“ der Vereinten Nationen (UN) in New York. DANK war mit dabei.

Nicht zu höflich sein

Quelle: (c) Heike Dierbach

 

Was müssen Regierungen unternehmen, um die Zunahme von Nichtübertragbaren Krankheiten (Noncommunicable Diseases, NCDs) zu stoppen? Für welche Maßnahmen gibt es eine wissenschaftliche Evidenz – und warum werden sie trotzdem nicht umgesetzt? Zu diesem Thema trafen sich Anfang Juli rund 500 Länderdelegierte und Vertreter aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Industrie zum „Social Hearing on NCDs“ der Vereinten Nationen (UN) in New York. Das Treffen diente der Vorbereitung des 3. UN-Gipfels zu NCDs, der Ende September tagt. Deutlich wurde in der Diskussion: Gesundheitsinteressen müssen erst durchgesetzt werden, oft auch gegen die Industrie. Und: Bei den ergriffenen Maßnahmen ist Deutschland im international eher Schlusslicht, vor allem im Bereich Ernährung.

Der Begriff Nichtübertragbare Krankheiten bezeichnet die modernen Volkskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs, chronische Atemwegserkrankungen und seelische Krankheiten. Ein Großteil davon wäre vermeidbar, wenn es gelänge, die Hauptrisikofaktoren zu reduzieren: Rauchen, riskanter Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel. Doch dies erfordert auch Maßnahmen, die nur die Politik durchsetzen kann, wie Werbebeschränkungen oder Steuern. Beim 3. UN-Gipfel zu NCDs wollen sich die Länder auf konkrete Handlungsempfehlungen und Ziele einigen, derzeit laufen die Verhandlungen über den Text der gemeinsamen Erklärung. Daher war die Anhörung bedeutsam für die Zivilgesellschaft, um politisch Einfluss zu nehmen.

Vertreten war auch die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten DANK als einzige Organisation aus Deutschland. Sie hatte in Kooperation mit der internationalen NCD Allianz am Morgen eine kleine Begrüßung für die Delegierten organisiert: Vor dem Eingang zum UN-Hauptquartier standen Aktivisten aus 10 verschiedenen Ländern mit 1,20 Meter hohen orangenen Buchstaben: „Enough. Beat NCDs“ (Es reicht. Stoppt NCDs). Die Sitzung selbst startete mit einem engagierten Appell von James Chau, britisch-chinesischer Journalist und Sonderbotschafter der Weltgesundheitsorganisation (WHO): „Die Ursache von NCDs ist Ungleichheit - geographische, ethnische, finanzielle Ungleichheit und Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Wir brauchen Maßnahmen, die genau dort ansetzen.“

Viele Redner beklagten den fehlenden politischen Willen, evidenzbasierte Maßnahmen auch umsetzen. Die Gesundheitsminister allein könnten dies nicht erreichen – notwendig sei vielmehr ein Engagement der Regierungschefs. Dies empfiehlt auch die WHO, die vor kurzem einen Katalog von Maßnahmen gegen NCDs veröffentlicht hat, auf den sich viele Redner in New York bezogen. Er empfiehlt unter anderem Werbebeschränkungen für ungesunde Produkte für Kinder. Auch Steuern sollten „erwogen“ werden. Deutschland hat davon bisher kaum etwas umgesetzt.

Wenig erfreut über die WHO-Empfehlungen zeigte sich in New York die International Food and Beverage Alliance, in der unter anderem Coca-Cola, McDonald’s und Nestlé organisiert sind. „Wir unternehmen bereits viel, um Produkte gesünder zu machen“, sagte Generalsekretär Rocco Renaldi: „Food is not tobacco.“ (sinngemäß: Wir sind nicht die Tabakindustrie). Allerdings räumte er ein, dass politische Maßnahmen einen „gewissen Effekt“ auf das Konsumverhalten haben.

Für DANK forderte Dr. Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum klare Regeln für die Zusammenarbeit mit der Lebensmittel- und Alkoholindustrie, angelehnt an jene des WHO-Rahmenübereinkommens zur Eindämmung des Tabakgebrauchs: „Die Konzerne der Alkohol- und Lebensmittelindustrie nutzen heute dieselben Argumente und Lobbystrategien wie die Tabakindustrie. Sie unternehmen alles, um effektive politische Maßnahmen zu verhindern, abzuschwächen oder wenigstens die Umsetzung zu verzögern.“ Das Statement konnte aus Zeitgründen nur schriftlich abgegeben werden.

Angesichts der „NCD-Tragödie“ mahnten mehrere Redner die Vertreter der Zivilgesellschaft: „Sie sind noch viel zu höflich.“ In wie fern das Social Hearing einen Einfluss auf das Dokument des UN Gipfeltreffens haben wird, bleibt abzuwarten. In den nächsten Wochen soll der Text finalisiert werden. Beim Gipfel im September wird er dann nur noch formal verabschiedet.

Heike Dierbach

 

WHO-Empfehlungen gegen NCDs: http://www.who.int/ncds/management/time-to-deliver